Schrei nach Liebe

Diese Woche gab es einige Ereignisse, die viele – mich inklusive – nicht ruhig lassen können.

Zum einen geht es um Flüchtlinge. Das Wort hat jedes Nachrichten-Feed stark besiedelt. Kein Facebook-Post ohne Aufruf zur Hilfe oder zum Hass, kein Tweet ohne #refugeeswelcome, keine Meldung ohne Situation an den europäischen Grenzen. Gibt es für Medien keinen Ukraine-Krieg, ISIS-Terror oder Abkühlung der chinesischen Wirtschaft mehr? – fragte neulich ein Freund von mir. „Flüchtlingskrise“ ist für einen ordinären Bürger näher als alle andere Themen. Auf dem Nachbar-Bahnhof oder in den nahliegenden Kasernen. Syrien hat es geschafft, die Gesellschaft nicht nur in Deutschland zu spalten. Ich beobachte aktiv die allgemeine Stimmung und Äußerungen im Netz in Russland und in Kasachstan. Unfassbar, wie Europa da heiß diskutiert wird. Ein Teil der russischsprachigen Internet-Gesellschaft weint vor Berührung bei Videoreportagen mit klatschenden Deutschen auf den Bahnhöfen, wo Flüchtlinge ankommen. Der andere, deutlich größere, Teil hetzt, dass Europa endlich mal „Probleme bekommt“ (gab es keine bisher?), polarisiert, tobt aus und erleidet massiver antiwestlichen (Wahnsinn, dass ich dieses Wort mal schreibe!) Medien-Propaganda. Das ist leider ein großes emotionales Spektakel, das laut allen von mir gehörten Experten-Podcasts zur Nahosten noch Jahre zu dauern scheint.

Zum anderen werden die rechtlichen Gruppierungen im Lande tatenlustiger. Gestern sind wir in Bremer Innenstadt völlig unerwartet auf Reihen der Rechtsradikalen gestoßen, die ihre Demo von Hamburg nach Bremen kurzfristig verlagert haben sollten. Beschallt von Polizei-Sirenen sind wir in ein Geschäft reingegangen. Ein zivil angekleideter Polizist ist ebenfalls reingekommen und hat den besorgten Verkäuferinnen empfohlen, die Außendisplays zurück ins Geschäft zu holen. „Sie werden später sehen warum“. Letztendlich wurde die Demonstration von den Rechten auch in Bremen verboten. Am meisten hat mich gestern die Kommunikation der Rechten und ihren unzähligen Gegnern auf den sozialen Kanälen beeindruckt. Unter verschiedenen Hashtags wie #1209hh oder #1209hb konnte ich das Drama in beiden Hansestädten verfolgen. Die Mobilisierung der Kräfte, Austausch der Informationen und Motivation (zu Gewalttaten) – digitale Medien machen es möglich, schneller und effizienter. Aus diesem Gesichtspunkt denke ich oft, dass die Kriegsführung früher ein wenig leichter gewesen sei. Es gab nur einen Kriegsplatz. Heute geschieht alles parallel – physisch und auf den Bildschirmen.

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