Was macht Sinn? Gedanken zu einem Keynote-Vortrag

Meine Oma sah die Welt einfach. Es gab für sie nur Eins oder Null, Leben oder Tod, Gutes oder Böses. Und nur Superlativen mit kleiner Neigung ins Negative: wenn etwas schlecht war, dann das Schlechteste, was sie je gesehen hat; wenn etwas gut war, dann war ja gut, könnte aber schlechter werden. Als Kind verbrachte ich die Sommerferien immer bei meinen Großeltern und durfte beim Haushalt mithelfen. Eine meiner Hauptaufgaben in der Küche war, Wasser für Nudeln aufzukochen. Wie bei allen Sechsjährigen war das Warten nicht meine Stärke und ich ging immer daher für eine Weile draußen spielen. Meine Oma lief mir stets paar Minuten später im Tornado-Tempo entgegen und seufzte laut: bald wäre Wasser aus dem Topf gelaufen, hätte den Küchenboden beschädigt und schließlich einen Brand ausgelöst. Ich flitzte sofort ins Haus rein und fand den Topf, wo Wasser erst anfing, sich friedlich zu köcheln. Meine Oma übertrieb ja gern.

Das gleiche Gefühl löst bei vielen heute Hans-Werner Sinn aus, (noch) der Präsident des ifo instituts in München, das den wichtigsten Konjunkturbarometer in Deutschland veröffentlicht. Prof. Sinn polarisiert, spricht eine klare Sprache und macht Pausen nach aus seiner Sicht wichtigen Sätzen. An diesem Freitag durfte ich ihn auf dem Logistik-Kongress in Berlin vortragen hören. Er hat über die Migration gesprochen.

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Hans-Werner Sinn (c) BVL / Bublitz

Im Vortrag ist er ausführlich auf seine Thesen zu Flüchtlingen eingegangen, die zuletzt für viele Diskussionen gesorgt haben. Nach den Berechnungen von ihm als bekanntesten Ökonom Deutschlands kosten die Zuwanderer dem Land mehr, als sie bringen werden. Fiskalisch werden normale Bürger künftig nur verlieren. Mit verschiedenen Grafiken hat er das demografische Problem Deutschlands gezeigt: bis zum Jahr 2030 werden im Lande sieben Millionen mehr Rentner leben und es werden rechnerisch rund 8,4 Millionen Arbeitskräfte fehlen. Die Zuwanderung ist für das Land überlebenswichtig. Aber nur qualifizierte Zuwanderer! betont Sinn. Er erzählt über die Ergebnisse des PISA-Tests unter den angekommenen Flüchtlingen und sagt müde, dass die Hälfte nicht mal rechnen kann. Seine Politikvorschläge habe ich auf Twitter dokumentiert. Neben den Grenzkontrollen, die auf dem Kongress ebenfalls der Bundesfinanzminister Schäuble ausdrücklich befürwortet hat, findet man auch seinen Vorschlag zum Deutschunterricht für Flüchtlinge. Sie sollen die Sprache direkt im Job lernen, wohin sie direkt nach der Ankunft in Deutschland einsteigen können sollen. Das fand ich gut, das finden ja alle gut.

Ich denke, keiner hat heute eine definitive Antwort, wie man die Flüchtlingsströme stoppen kann. Ja, an der Ursache arbeiten, den Chaos in Syrien und in der Region beseitigen. Es könnte nach zahlreichen Schätzungen und Studien aber Dekaden dauern, mit Neuverteilung der Länder auf der Karte. Muss man in Deutschland warten, bis diese Länder leer gelaufen werden? – fragt Sinn und das Auditorium schweigt. Man ist – Entschuldigung – besorgt. Sinns Ton ist ernst: Wenn es so weitergeht, dann erwartet uns eine überfüllte schwarze Zukunft mit günstigem Job und abgenutzter Infrastruktur.

Meine Oma hat mich durch ihr übertriebene Weltwahrnehmung auf die Ernsthaftigkeit vieler Dinge aufmerksam gemacht. Ich habe gelernt, auf Feuer anzupassen, jede Hausaufgabe in der Schule rechtzeitig zu machen und jede freie Minute sinnvoll zu nutzen. Dennoch wurde mir nachher klar, dass sie gern übertreibt und es sei nicht schlimm, mal ohne Reue zu spielen. So könnte es auch mit führenden Ökonomen wie Hans-Werner Sinn der Fall sein. Wenn sie ständig polarisieren, wird vielen klar, dass sie übertreiben.

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