Nachdenkzeit: was darf Logistik kosten?

image-2017-01-03
Logistik: mit oder ohne Fehler

Viele befinden sich noch in einer besinnlichen Stimmung und mögen keine kritischen, beziehungsweise jegliche Artikel lesen, in denen eine weniger friedliche Welt herrscht. Ich erlaube es mir. Das Thema brennt 🙂

Vorletzte Woche besuchte ich einen Laden in der Nähe meiner Arbeitsstelle, um (dem besten Zahnarzt!) ein letztes Geschenk nachzuholen. Dabei hatte ich einen Gutschein, der leider nur online einlösbar war. „Ach, dann bestellen Sie doch einfach online!“ erwiderte die junge Verkäuferin. Das hätte ich wohl getan, wenn ich wollte. Es klingt naiv – aber ich entschied, keinen Paketdienst loszujagen (über Weihnachtsstress hier), wenn ich selbst nur 50 m bis zum Shop laufen kann. Die Verkäuferin und eine Dame neben ihr zeigten wenig Verständnis. Online-Shoppen sei doch so easy.

Mit der Sichtweise sind die beiden nicht allein: Wir haben inzwischen gelernt, dass fast alles „easy“ lieferbar ist. Vielmehr: die Lieferung soll wenig, im Idealfall nichts kosten. Kurz vor Weihnachten twitterte Daniel Terner den Artikel „The human cost of the next delivery“, der soziale Wunden der Logistikwelt kaltblütig beschreibt. 60% der Onlinekäufe in den USA sind frei Haus. „Was? Soll ich für den Versand noch zahlen? Nee!“ hörte ich einmal eine Freundin von mir (gebildet, gutverdienend, leicht grün) sagen, die auf einem hochpreisigen Fashionportal rumstöberte. Sie ist nicht die Einzige, die verwöhnt ist. Die kleinen Online-Händler, die keine kostenfreie Lieferung anbieten, werden vom Markt weggefegt. Die Großen versuchen mit der Masse, ihre Kosten auf ein erträgliches Niveau zu verhandeln, aber auch sie haben Schwierigkeiten. Mit dem Transport verdient heute keiner Geld. „Let’s be honest, we don’t make money out of delivery. We try not to lose too much“.

Es hängt alles zusammen. Weil die Lieferkosten niedrig sind, wird in der Logistik an allem gespart. Wir schimpfen über Arbeitszustände der Packer oder Kommissionierer bei bekannten Händlerriesen, ärgern uns aber über die verspätete Paketzustellung aufgrund von Streiks. Die vielen Lkw auf den Autobahnen nerven uns. Möglicherweise fahren sie aber gerade unsere Schuhe, Elektronik oder Bücher bequem zu dem Ort unserer Wahl. Solange das Kaufverhalten und die Bereitschaft für die Zustellung mehr zu zahlen nicht ändern, haben Image-Projekte in der Logistik wenig Chancen. Schlechte Bezahlung, weglaufende Postboten (hat jemand vor Bashing nach ihren Touren mal gefragt?), polnische Fahrer, die in ihren Wagen Essen kochen – das ist das erste und das dominanteste Gesicht der Logistik.

Wo geht die Reise hin? Keine Ahnung. Vermutlich reinigt sich der Markt selbst. Es folgen Insolvenzen, Übernahmen und Fusionen. Später steigt sich auch der Preis für die Logistik. Wie auf jede andere Dienstleistung auch.

Advertisements

2 Gedanken zu “Nachdenkzeit: was darf Logistik kosten?

  1. ANTWORT eines alten Konsumenten, der auch ab und zu über derartige Gutscheine verfügt. auf Deine Frage: Im letzten Absatz Deines klugen Beitrags s t r ei c h e n: „keine Ahnung“!

Ich freue mich auf jedes Feedback!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s