Kommentar von Martin Suter zu Anti-Establishment

Wir diskutieren oft zu Hause, woher der aktuelle Hass gegen das Establishment kommt. Es gab ja schon immer die Machthaber und die Geführten. Die ersteren schotteten sich in ihrer eigenen Welt ab, das Volk schimpfte am Esstisch über die Privilegierten. Was ist jetzt anders geworden?

Martin Suter über neue Medien
Interview mit Martin Suter im Handelsblatt, März 2017

In einer der März-Ausgaben vom Handelsblatt las ich das Interview mit dem Schriftsteller Martin Suter. Er sagt, die Vernetzung sei Dank und schuld, dass die Massen gegen ihre Regierung sind. Jeder bekommt alles über jeden mit − die Transparenz schafft zuerst Ärger und später die Elite ab.

Dazu fällt mir eine Geschichte ein. Vor vielen Jahren blühte die Blogwelt auf. Auf einmal konnte man in unbekannte Welten blicken, ja, fast bis in die Häuser. Meine Freundin und ich folgten damals einen Blog, den die Ehefrau eines Milliardärs führte. Sie bloggte meistens ihre Kochrezepte und zwischendurch über ihren Alltag. Wir staunten: Sie hatte die gleichen Sorgen wie wir! Sie sündigte an Wochenenden mit Chips, hatte Ärger in Staus und weinte bei den gleichen Büchern wie wir. Sie gewann in kurzer Zeit eine große Leserschaft, das spornte sie zu häufigeren und offeneren Beiträgen an. Auf einmal bewohnten das Kommentarfeld aggressive Männer und Frauen, die erniedrigende, hasserfüllte Meldungen hinterließen (erste Versionen von „Trollen“). Neugier von Tausenden überfloss in Neid.

Das geht leicht. Die Gedanke „Warum sie erfolgreich (reich, hübsch,…) sind und nicht ich“ beschleicht jeden einmal. Die Reaktion darauf kann aber unterschiedlich sein. Ich kenne viele Beispiele, die durch „transparente“ Lebensweisen inspiriert wurden, neue Karrierewege zu gehen, sich bei unglaublichen Hochschulen zu bewerben oder eine Reise nach Tasmanien zu buchen. Aber auch die Fälle, wo Leute ihre Träume von einem Executive-Level-Job aufgaben, weil es ihnen durch sozialen Medien klar wurde, dass es nicht nur um die HON-Circle-Annehmlichkeiten geht, sondern um Reisestress, Erfolgsdruck und wenig Familienleben.

Spaltet die Transparenz die Gesellschaft? Ich denke, sie entblößt nur ganz natürliche Schattenseiten jedes Menschen. Wie man auf diese transparente Welt reagiert, hängt vom Selbstwertgefühl jedes Einzelnen, seiner Erziehung und dem Medienkonsum ab. „Just hate it“ ist bequemer als die Macher-Version.

Ach ja, die Milliardäre lernen inzwischen, das Persönliche nicht mehr öffentlich zu posten.

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