Leseabend mit Saša Stanišić

Lesung in Stuttgart

Am letzten Freitag war ich bei meiner zweiten Lesung im Leben. Vielleicht als Kind mal irgendwo gewesen: unser Vater sammelte Bücher, las drei Stück am Tag und hatte für jeden meiner Seelenzustände eine Buchempfehlung.

Die erste bewusste Lesung hat sich nicht so wirklich angefühlt – mit Herta Müller, noch vor dem Nobelpreis, vom Goethe-Institut organisiert und vor dem falschen Publikum – im Saal saßen junge Schülerinnen und Schüler, die kein Deutsch kannten und die Übersetzerin als Autorität nicht akzeptierten und daher laut untereinander redeten.

Im Gegensatz hörte das Publikum im Literaturhaus Stuttgart zwei Männern aufmerksam zu. Saša Stanišić, dem Autor des Romans „Die Herkunft“ und einem Journalisten aus der Süddeutschen (too lazy to google his name), der den Abend moderierte. Er bleibt in meinem Gedächtnis als der Mann, der leidenschaftlich gegen seine Nebenrolle kämpfte. Lange Monologe rettete er mit einer anschließenden Frage an Saša, die selten als eine Frage zu erkennen war, sondern öfter als ein weiterer Kommentar eines – ohne Zweifel – belesenen Mannes.

Saša las gut, nahm uns mit und litt bestimmt unter der viel zu gutgeheizten Bude. Die Lesung ging 90 Minuten lang, dafür fuhren wir doppelt so lange aus Franken, bereuten aber keine einzige Sekunde. Noch in der Nacht im Hotel unterhielten wir uns darüber. Viele Gedanken diskutierten wir stundenlang auf der Heimfahrt. Immer wieder taucht ein Impuls zu den Themen auf, die Sasa in uns aufwühlte oder aufweckte. 90 Minuten sind nichts im Vergleich mit den Stunden der Nachwirkung.

Drei Dinge, die ich heute aufschreiben möchte:

1) Saša beschreibt ein kleines Bergdorf in Bosnien, den Heimatort seines Großvaters. Es ist abgeschnitten von jeglicher Zivilisation. Die wenigen Bewohner (genau gesagt: 13) sagten sinngemäß: „Wir haben das Leben hier überlebt. Was ist dann Tod?“

2) Der Moderator und Saša unterhielten sich über die Abgabefristen eines Buches. Dabei fiel die Phrase: „In die Deadline reingeschrieben“. Wie wahr!

3) Der Roman sollte die ganze Palette vom „Zugehörigkeitskitsch“ zeigen. Durch ihn muss jede(r) mal durch – mal stärker, mal weniger. Als ich in Kasachstan war, wollte ich mich immer abgrenzen und gleichzeitig dazugehören: Stadtmensch, nicht Landei; aus dem russifizierten Norden, nicht aus dem konservativen Süden; aus einem Elitestamm und keiner einfachen Sippe. Später in der Welt wurde ich eher von extern in die „Woher-kommst-du-Spiele“ reingezogen. Es nervte nicht, aber beschäftigte mich. Beschäftigt immer noch. Dafür ist der Roman von Saša nützlich. Er regt an. Er zeigt, wie seine Reise geht. Er stellt Fragen.