Gesehen Q1/2019

Da ich Filme weder im Fernseher noch in den Streaming-Diensten schaue, bleibt Kino meine einzige Quelle für den neuen Stoff. Dieses Jahr bin ich träge gestartet, habe dazu aber zwei bemerkenswerte Filme angeschaut.

Bird of Passage („Pájaros de verano“), 2018

„The Birds of Passage“ ist ein Film, der zwar ein bekanntes Thema (Drogenhandel) behandelt und auch als Konflikt zwei Drogenmafia-Familien zusammenstoßen lässt, ist aber trotzdem anders. Die Traditionen des indigenen kolumbianischen Volks, ihre Musik, ihre Kleidung, ihre Moralprinzipien.

Meine Lieblingsszene ist der Tanz zwischen den Hauptdarstellern am Anfang des Films. Wie sie im Kreis laufen, wie der Trommel den Takt gibt, wie sie die Blicke tauschen – alles ist Feuer und Flamme. Der Anlass ist: die Tochter eines angesehenen Klans beendet ihr Jahr, das sie in Abgeschiedenheit verbringen musste. So ist die Tradition: sobald ein Mädchen ihre ersten Regel bekommt, soll sie in eine separate Hütte gehen und erstmal allein bleiben. Schon hier ging mein Puls hoch. Warum soll eine Person aufgrund der Physiologie solchen Maßnahmen unterzogen werden? Das ist der einzige Moment der gefühlten Ungerechtigkeit (Brautgeld lasse ich jetzt außer Acht, weil unspektakulär). Die Frauenrolle im Klangeschehen schien für mich relativ stark gewesen zu sein.

Die Spannung im Film ist zerstreut intensiv, aber in jedem Moment vorhanden. Es war einfach spannend. Auch dadurch, dass die Patin wie meine Oma (ein Tick auch wie meine Mama) aussieht. Mein Mann und ich mussten dran den ganzen Film lang denken. Interessant fanden wir auch die Trailer für unterschiedliche Regionen. Im deutschen Trailer wird die Rolle der Mutter vom Klan betont (ja, Antipode zum „Paten“). Im Trailer für die Türkei kommt die Ehre der Familie ganz groß in den Vordergrund.

Die Maske („Twarz“), 2018

In Polen von Małgorzata Szumowska witzelt man: „Vom Dach fallen runter ein Moslem, ein Jude und ein Schwarzer. Wer gewinnt? Die Gesellschaft!“ Und so geht es im beeindruckenden Tempo weiter. Wenn ich groß bin, möchte ich eine ähnlich scharfe Gesellschaftskritik machen, wie Szumowska in ihrem brillanten Film „Die Maske“. Ein polnisches Dorf möchte die größte Christus-Statue der Welt errichten. Die Hauptfigur verunglückt auf dieser Baustelle und erlebt danach ein anderes Leben mit dem neuen, transplantierten Gesicht. Scheinheiligtum, Geiz und Gier, täglich Rassismus und Nationalismus, Naturharmonie und Technomusik. Wir als Zuschauer werden schon einiges durchmachen müssen. Ich denke, es ist ein guter Film in der heutigen Zeit. Ein Reminder dafür, wie das Große in Stücke zerfallen kann, weil die einzelnen Stücke mit sich selbst nicht im Reinen sind. Der Film mit dem Originaltitel „Twarz“ läuft noch im Kino, geht bitte dahin und schaut ihn an.

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