Herdanziehungskraft

„Es reicht“, gemalt von Amal B.

Morgen ist der Todestag meiner Großeltern. An diesem Tag beten wir für ihre Seelen, fahren zum Grab, laden Gäste ein und backen etwas. Da ich weit weg von der Familie bin, lese ich allein ein paar Gebete und bemehle gefühlt die ganze Küche. In diesem Jahr wollte ich etwas aus meiner Kindheit backen und forstete deswegen die russischsprachigen Koch-Webseiten durch. Das Rezept eines süßen knusprigen Gebäcks fand ich sofort. Aber auch die dazugehörigen Kommentare der meist weiblichen Besucher. „Mein Schatzi mag sie mit Honig und viel Puderzucker“. „Du wirst die Backkönigin – alle Freundinnen werden dich beneiden“. „Mein Mann und Kinder sind soo happy“. Ich schluckte, scrollte durch die weiteren Rezepte und las das dazugehörige Kommentarfeld. Auf einmal vergrößerte es sich in meinem Empfinden zu einem Zeitzeugen der heutigen Frauensituation in der postsowjetischen Gesellschaft. Na, wieder übertreiben, Aigul?

Viele Jahre später nach der Schule erzählte ich meinem in Europa aufgewachsenen Mann, welche Fächer ich so hatte. Ach ja, es gab den Arbeitsunterricht. Ach ja, die Mädels getrennt von den Jungs. Ach ja, die Mädels haben kochen und nähen gelernt. Die Jungs – handwerken. Viele Jahre später musste ich mein Möbel zusammenbauen. Da bereute ich zum ersten Mal, handwerklich wenig zu können. Und viele andere Male auch, als ich meine Unabhängigkeit in den „männlichen“ Tätigkeiten feststellte. Zum Glück gibt es heute dafür verschiedene Serviceanbieter, Baumärkte und DIY-Youtube-Videos.

Dabei mochten wir die Mädels kochen doch nicht so. Ich frage mich, wer von meinen Mitschülerinnen heute in den Kochapps begeisternde Kommentare hinterlassen konnte. Unsere Mütter ja, sie waren die durchtrainierten Hardcore-Koch- und Backmaschinen. Mit viel Disziplin gab es pünktlich zu jeder Mahlzeit was Warmes, frisch gekocht, mit Fleisch (Spezifika Kasachstan). In jedem Haushalt gab es dicke Ordner oder Hefte mit tausend Rezepten. Keine von mir bekannten Frauen hatte einen Ordner mit den „1000 Wegen, glücklich zu sein“. Früher galt als die größte Beleidigung Richtung einer heranwachsenden Frau: „Sie kann nicht mal kochen. Wer nimmt sie denn zur Frau?“ Ich spreche übrigens von 2000er.

Wer denkt, die Gegend sei doch sowieso patriarchalisch, wir seien hier anders, schaut bitte beim chefkoch.de rein. Oder geht zu einer Tennisvereinsparty im tiefsten Franken. Frauen backen und geben Torten aus, Männer fahren Bier kaufen. Voilá, die Gleichberechtigung geschafft.

Es ist egal, wer backt oder kocht, näht oder aus dem Heizungskörper Luft rauslässt. Sobald die Menschen es gern und bewusst machen und nicht nach einem kollektiven Programm.