Zwei Mai-Bücher

Der Monat ist noch nicht zu Ende. Ich konnte aber mit den Rezensionen nicht mehr warten.

Amanda Coplin, Im Licht von Apfelbäumen

„Ich kann es nicht lesen.“ flüsterte ich mir selbst und verkündete es nach 20 Minuten auch laut. Nach 20 Minuten war ich an der Stelle, wo es klarer wurde, dass der Roman den systematischen Kindermissbrauch als Thema hat. Glaub nie dem Text auf dem Buchumschlag – es sollte um zwei junge schwangere Frauen gehen, die eines Tages auf der Obstplantage eines alten Mannes auftauchen. Aus Frauen wurden Mädchen 10-12 Jahre alt und schwanger von wem auch immer, der ein Mädchen-Bordell im 19. Jahrhundert in den USA besucht hat. Grauenhafte Geschichte. Ich wollte ihr in meinem Gedächtnis keinen Platz geben – las aber doch zu Ende.

In meinem Gedächtnis sind genug wahre Geschichten aus dem Freundeskreis abgespeichert, die ich immer wieder in die hintersten Räume hereinjage, weil die Erinnerungen dran immer noch wehtun. Ich kenne die Opfer, ich kenne auch die Täter. Wenn es in der Literatur oder in Film die Letzteren oft irgendwelche Fremden sind, dann ist es im Leben anders. Vor ein paar Jahren hatte Russland ihren eigenen #metoo, wo Frauen von ihren Geschichten des Missbrauchs oder sexueller Belästigung öffentlich erzählten. Ich sah eine Auswertung davon: bis zu 80% des Kindermissbrauchs geschah im Familienkreis oder durch Freunde/Bekannte der Eltern. In diesem Zusammenhang ist der Roman von Amanda Coplin eine andere Natur – die Täter sind von draußen, aber der Schmerz und die Folgen des Schmerzens sind genauso grenzenlos.

Werde ich den Roman weiterempfehlen? Eher nein. Er fesselt durch sein ruhiges Erzählen der grauenhaften Sachen. Er ist traurig, weil die Figuren dort aus ihrer Trauer kaum rauskommen. Vielleicht eine einzige Take-Home-Message wäre: kein Kind kann einfach erzählen, was ihm passiert ist. Er erzählt es so, indem sein Verhalten sich plötzlich ändert. Daran sollen wir immer denken und wachsam bleiben. Gott bewahre.

Anita Shreve, Das erste Jahr ihrer Ehe

Der Roman von Anita Shreve behandelt auch „die Untiefen des menschlichen Herzens“, aber in Bezug auf Eifersucht. Beziehungsweise löst die Eifersucht eine weitere Kettenreaktion der unangenehmen Gefühle aus, und diese beschreibt die Autorin mit einer unglaublichen Präzision.

Aus meiner Sicht ist „Das erste Jahr ihrer Ehe“ kein Liebesroman, sondern eine Liebeserklärung an Kenia, an die schrillende Hauptstadt Nairobi, an die Kultur der kenianischen Völker; ein Respekt vor den Bergen (Spoiler: es gibt einen tödlichen Sturz) und eine Intoleranz dem autoritären kenianischen Regime der 70er gegenüber.

Ein junges amerikanisches Paar kommt nach Kenia direkt nach ihrer Hochzeit. Der Ehemann hat schon im Vorfeld einen Job als Arzt bekommen und die Ehefrau sucht sich eine Stelle als Fotografin. Der Roman zeigt die Expats-Szene in Nairobi. An einer Stelle las ich etwas mit „von Weiß zu Weiß“. Die Weißen sind unter sich, die Afrikaner kommen im Buch als die Hausangestellte oder in den Slums vor. Ich merkte aber, dass die verstorbene Anita Shreve, die wirklich in Kenia gelebt und gearbeitet hat, die Kultur und die Geschichte der afrikanischen Stämme sehr schätzte.

„Aber sie (Massai – Anmerkung zhreibt) wissen, wer sie sind. Sie leben in einer uralten Nomadengesellschaft, die seit Jahrhunderten größtenteils intakt geblieben ist (…) Sie sind weder teilnahmslos noch faul oder gelangweilt. Sie haben einen tiefen Glauben an ihre Gottheiten, Rituale und Zeremonien“.

„Sie haben keine Bildung“.

„Nicht unsere, das ist wahr. Aber innerhalb ihrer eigenen Kultur und Lebensweise sind sie gebildet“.

Der andere für mich ganz spannende Plot ist das Bergwandern. Drei Paare im Roman besteigen den Mount Kenya, den zweitgrößten Berg Afrikas nach dem Kilimandscharo. Ich habe mich in die Hauptfigur sofort eingefühlt: sie wandert nach langer Pause, ist nicht fit wie die anderen und hat Angst, aus der Höhe runterzuschauen. Been there, done that. Es gibt viele Weisheiten rund um die Berge. „Der Berg hält immer neue Erfahrungen bereit, selbst wenn man jedes Jahr hinaufsteigt“. Es wird geklettert und gelitten mit einem Ende, das nicht so eindeutig ist. Als Fan der klaren Verhältnisse war es für mich das einzige Manko eines interessanten Romans. Also, lesen.

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