Marriage is not an achievement

She for she: welches Programm bekommt sie installiert?

Einmal schrieb mir mein Bruder über ein Gespräch mit seiner damals fünfjährigen Tochter. Sie fragte ihn um Rat, wen sie heiraten solle. Welches Kind sie am besten bekommen wolle: einen Sohn oder eine Tochter. Wir schickten uns gegenseitig die Tränen lachenden Emojis in WhatsApp. Dann schloss ich die App, kurz die Augen, atmete tief aus und googelte mit ernster Miene: „Feministische Erziehung Mädchen wie“.

Heirat als das oberste Lebensziel gilt nicht nur für kasachische Mädchen. Die Google-Suche schickte mich damals zu meiner Lieblingsautorin – Chimamanda Ngozi Adichie („Americanah“ ist ein Roman zum Verlieben). Ihre Freundin aus Nigeria stellte ihr die gleiche Frage: „Wie kann ich meine Tochter nach feministischen Prinzipien großziehen?“. Chimamanda schrieb zuerst eine E-Mail, hielt später einen millionenfachangeklickten TedTalk und zum Schluss verfasste sie ein Büchlein: „A feminist manifesto in 15 suggestions“. In Nigeria wünschen sich die Mädchen auch eine Heirat. So sehr, als ob die Ehe sie von allen Dämonen der ersten 20 Jahre erlösen kann.

Die Dämonen stecken wiederum im Auftrag selbst: werde ein Heiratsmaterial. Als ich Kind war, hörte ich ständig, dass das ein oder andere Mädchen für eine befreundete Familie „versprochen“ wurde. Die „Fake-Hochzeiten“ gehörten zum regelmäßigen, inoffiziellen Spiel-Repertoire im Kindergarten: immer eine Braut und ein Bräutigam, der ungern mitspielte und nach wenigen Minuten die Zeremonie verließ. Wir, Mädels, hielten wiederum an jedes festgeschriebene Ritual fest und feierten allein zu Ende. Ab 6-7 Jahren begann die offizielle Ausbildung, um die „Capabilities Nuggets“ für eine Ehe zu bekommen, die sind etwa: kochen, putzen, Wäsche waschen, Wäsche wie ein richtiges Mädchen ohne Falten aufhängen. Als „Bestanden“ galt in der imaginären Zwischenprüfung, wenn die Mädchen von der Familie als „fleißig“ gelobt wurden. Lob! Generell bleibt der Wunsch – als „fleißig“ abgestempelt zu werden – der stärkste innere Motor vieler Frauen bis zu ihrem Lebensende. Hej, sie ist fleißig, Erlösung, Konfetti.

Das zweite Adjektiv, wofür Milliarden Mädchen kämpften und es immer noch tun, ist „hübsch“. Seit dem Kindergarten verfolgen mich die Schönheitswettbewerbe: wer wird das schönste Schneeflöckchen auf dem Neujahrfest? Wer hat das schönste Kleid? Wer hat das längere Haar (damals war es en vogue)? Wem wird als Erste Ohren gestochen? Wer ist die Dünnste? Wer hat das teuerste Make-up? Ich höre oft, dass Frauen sich offenbar schlecht vertragen, insbesondere wenn eine davon objektiv gutaussehend ist. Wenn eine hübsch ist, dann verlierst du. In diesem subtilen Wettstreit um einen Ehemann geht es um alles.

Nicht nur Außen, das „Innen“ muss auch stimmen. Bis ich zehn war, war ich bockig und konnte meine Gefühle am besten in einem lauten Streit ausdrücken. Ich konnte auch ziemlich böse schlagen, vor allem diejenigen Jungs, die von meinem älteren Bruder schlecht redeten. Meine Mutter ermahnte mich oft, dass dieses Freche meinem Ruf als ein gutes Mädchen schaden könnte. Auch meine Oma redete meinen Cousinen und mir ein: seid still, seid brav, respektiert Männer, mischt euch nicht in die Männergespräche ein. Wir hatten den Eindruck: am liebsten wären wir in dieser Männerwelt gar nicht anwesend. Zumindest nicht sichtbar, aber das Abendessen soll bitte auf dem Herd stehen.

Im Bachelor-Studium kannte ich eine junge Frau, die immer in Schönheitssalons steckte, anstatt zum Mathe-Kolloquium zu gehen. Sie motivierte uns, ihre Mitstudentinnen, uns keine Sorgen über die Semesterarbeiten zu machen, weil sie Falten im Gesicht begünstigen. Sie hatte feinlackierte Nägel, aber auch eine hohe Intelligenz, die offenbar durch das Heiratsthema benebelt wurde. Sie suchte sich ständig wohlhabende Partien aus, checkte sorgfältig, ob diese auch aus „anständigen“ Familien kommen. Sie tat uns leid und irgendwie fanden wir sie komisch. Ich sah sie als eine störende Ausnahme in meiner Generation der voranschreitenden Gleichberechtigung. Dann schrieb mir mein Bruder über die Heiratsfantasien meiner kleinen Nichte.

Ich lese heute das nigerianische Manifest noch einmal. Morgen treffe ich meine Nichte, vielleicht lackiere ich ihr die Nägel in rosa und spiele mit diesen dämlichen Eisköniginpuppen. Ich würde ihr aber gern sagen, dass die Ehe eine ziemlich schöne Sache ist, aber keinesfalls ein großes Ziel oder eine Final Destination.