Ich gehe eine Treppe in der Ortsmitte hoch. Es ist Mittag und ich kann unbeobachtet gehen. Ich schaue lange drauf, wie mein rechtes Bein arbeitet und staune. Der aufeinander abgestimmte Ablauf einfacher und perfekter Vorgänge: das Knie beugt, das Fußgelenk fängt das gesamte Körpergewicht auf, Stoß, nächste Stufe. Die Haut ist gebräunt – auch ein schlauer Mechanismus, wie sich der Körper von der Sonne schützt. Ich bin uneben gebräunt – nach Länge der Lauf- und Radlerhosen. Mein rechtes Bein ist perfekt und ich mag es gerade angucken. Mein linkes Bein ist auf der Kniehöhe in einen Schutzband umwickelt. Die Muskelzerrung, zum ersten Mal in meinem Leben.

Am Morgen plagen mich die Schuldgefühle: warum habe ich nicht aufgepasst. In der Klinik tippt die Krankenschwester meine Unfallstory ins System ein und stellt ziemlich laut und ziemlich genaue Fragen. „Aha, Outdoor-Event.“ Es ist mucksmäuschenstill im Warteraum, einige legen sogar ihre Kliniklektüre weg, diese ganz normalen Magazine, worauf ein Lesevertrieb oder -Zirkel ihren roten Umschlag setzt. Sie konzentrieren sich. „Wo war das?“. „Im Schlossgarten“. „Beschreiben Sie, wie es passiert ist“. Ich flüstere fast: „Gesprungen, gelandet, bei der Landung schon gemerkt, dass die Teile im Knie nicht alle gleichzeitig und gerade runterkommen“. Der Umfallarzt kriegt ein allergisches Husten, wenn ich ihm – schon in einer normalen Tonhöhe – von einem Teambuilding-Event erzähle. Er gibt mir zu verstehen, er hasst sie als Kategorie. „Völkerball, nah“. Scham und Stolz befeuern mein Gesicht. Ja, Stolz auf diese Banalität. Der Völkerball ist für mich etwas komplett Neues! In meiner Schulzeit spielten wir ganz andere verletzungsreiche Spiele. Der Scham ist da, weil die Verletzung nicht auf einer harten Bergtrailstrecke passiert ist, sondern hier, um die Ecke, bei einem Kinderspiel.

Bis ich wieder am Auto mit einem frischen, schneeweißen Verbund bin, habe ich bereits viele Bilder von meinem linken Bein. Der Weg ist lang: ich humpele und mache noch Stopps für die Aufnahmen. Das Akkurate könnte an Mama kommuniziert werden; für die WhatsApp-Story nehme ich etwas Leidaussehendes; für die Laufkumpels zeige ich nur den Kniebereich als stummes Signal für die kommenden Sonntagsläufe, die ja nun ausfallen. Ich kann das Bein nicht beugen, und das Einsteigen kratzt am Rest meiner Geduld. Im Auto ist es schon heiß und ich werde noch wehmütig: ich habe diesen Moment kommen sehen. Letzte Wochen ging mir alles nicht schnell genug. Ich sah nur eine Schuldige: mich selbst. Das Tempo wollte ich ändern und ließ dabei noch die Hintergrundmusik laufen, etwas aus den früheren Selbstkritikalben. Schneller, besser, „durchhalten“. Ich denke oft an den Satz aus einem Bestseller in der Kategorie „Selbstliebe“: wer sich nicht anhält, wird vom Leben angehalten. Trivial, genial und ich hoffe, es nie zu spät zu verinnerlichen.

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