Bücher im Sommer

Seit Anfang Sommer lese ich ein wenig unstruktuiert: wenig Prosa, mehr Sachbücher, die ich noch nicht zu Ende gelesen habe. Es gibt aber ein paar nennenswerte Lektüre.

Stephen King, Das Leben und das Schreiben

Ich lese die Werke von Stephen King nicht. Ich schütze meinen Schlaf und innere Ruhe. Als ich seine Autobiografie sah, konnte ich aber nicht widerstehen: Was für eine Person ist er? Wie schreibt er? Was denkt er dabei? Hat er vielleicht selbst Angst beim Schreiben? Spoiler: Nein, er ist aber gespannt, was durch ihn „übermittelt“ wird. Er sagt, die Figuren und die Storys kommen einfach zu ihm und er ist ein aufmerksamer Zuhörer.
Das ist keine typische Biografie. Kein stringenter Zeitverlauf, sondern einzelne Erinnerungen. Kindheit, erste Schreibstücke, lange, sehr lange kein Erfolg. Was für eine Ausdauer. Dekaden lang wollte keiner ihn veröffentlichen, die ersten Bücher wurden auch schlecht verkauft. Da ziehe ich meinen Hut vor ihm und seiner Frau, die ihm Rücken freihielt und ermöglichte zu schreiben. 
Ein Tipp nehme ich mit, wie man eine Schreibdisziplin entwickelt. 
• Ein separater Raum mit einer Tür, die man schließen kann.
• Immer zur gleichen Zeit arbeiten.
• Keine Ablenkungen.
• Jeden Tag. 
Und was ist mit der Muse? Nach Stephen King ist es deswegen wichtig, an der gleichen Zeit am Schreibtisch zu sitzen. Da weiß die Muse, wann sie kommen kann. 

Julian Barnes, Die einzige Geschichte

Diesen Roman empfahlen viele von meinen Buch-Influencern. Es sei eine großartige und rührende Liebesgeschichte. Ich erinnere mich daran, wie ich mit leuchtenden Augen das Buch im Erlanger Thalia-Laden schnappte und bis zum Abend kaum abwarten konnte, um mit dem Lesen anzufangen. Aber das hat gar nicht gefunkt. Also, gar nicht. Schwebe ich auf einer anderen Liebesfrequenz als die Influencer? Es geht um die Liebe zwischen einem jungen Mann und einer älteren Frau, die an Alkoholismus litt. Der Plot an sich ist interessant, aber diese langen Gefühlspassagen von Barnes waren eine Geduldsprobe, die ich nicht aushielt. Das Buch verschenkte ich, ohne es bis zu Ende gelesen zu haben. Es ist mir so zum ersten Mal passiert.

Michelle Obama, Becoming

Das Buch las ich eine Woche lang, dabei zwang ich mich langsamer zu lesen, um über die einzelnen Themen länger nachdenken zu können. Oder die Auftritte auf YouTube nachzuschauen, die erwähnt wurden. Eine Woche lang bekam meine Umgebung die ausführlichsten Informationen über Obamas Leben: Vor und während des Lebens im Weißen Haus. Mein Mann bekam dabei am meisten ab – ich nehme an, dass er das Buch nicht mehr lesen braucht und überhaupt mag (sorry!). Michelle beschreibt ihr Leben: nüchtern, reflektiert und witzig. Einige meiner Freundinnen fanden es schade, dass es die Hälfte des Buchs größtenteils rund um Barack kreist. Verständlich,dachte ich später. Seine Rolle definierte das Leben der Familie, obwohl Michelle versuchte, entgegenzuwirken – lest das Buch, um zu erfahren wie. 
Nach dem Buch reihte ich mich zu den Tausenden, die fest dran glauben: Michelle hat das Zeug, um die erste schwarze US-Präsidentin zu werden und Michelle, mach es! 

Roxane Gay, Hunger

Bad Feminist. Roxane Gay ist meine Twitter-Ikone. Sie bringt das Wesentliche auf den Punkt. Sie ist kritisch, aber wohltuend. Sie hat ein grandioses Schreibtalent. Sie ist übergewichtig, und diese Eigenschaft ihres Körpers überschattet all ihre Fähigkeiten, Erfolge und all ihr Dasein als eine Person, die die Welt verändert. Die Welt sieht sie dick. Punkt. Die Welt misst das Leben der Frauen nach ihrem Aussehen. Je dünner – desto besser. Das erzählt Roxane Gay in ihrem biographischen Werk „Hunger“. Das war für mich eine schwierige Kost – Roxane wurde als Teenager vergewaltigt. Ich kann jegliche Gewalt nicht lesen, nicht akzeptieren, überhaupt nicht wissen. Jahrelang konnte sie keinem über den Vorfall erzählen. Sie war hungrig nach Sicherheit, nach Geborgenheit und nach Freiheit. Der Hunger war groß – so fing sie an, zu essen. Für mich machte das Buch nochmals deutlich: kein Mensch wird übergewichtig ohne einen Grund. Es müssen keine schwerwiegenden Traumen sein. Es reicht schon, wenn eine Person nach außen lebt und zu ihrer eigenen Seele (Geist, „zu sich selbst“, …) den Zugang verliert. Ich empfehle dieses Buch sehr. 

Tina Turner, My love story

Das Buch sei das Letzte auf dem Regal „Starke Frauen“ in unserer Ortsbibliothek, welches ich nicht gelesen haben solle (Übertreibung). So mein Mann an einem Sonntag, als ich vom Langlauf zurück war und Tina Turner bei mir auf dem Tisch entdeckte. Tina Turner war nie in meinen Playlists vertreten gewesen. Ihr Erscheinungsbild imponierte mich aber immer: energisch, dynamisch, kraftvoll. So kommt sie auch im Buch rüber. Nicht viel Gefühlsduselei, obwohl das Buch ihr Liebes- und Leidensleben beschreibt. Ihre erste Ehe mit einem Abuser (in der Hochzeitsnacht hat er sie in den Puff mitgeschleppt, damit sie eine erotische Performance mitbeobachten konnte, so in der Art) war logischerweise unglücklich. Nach der Trennung trennte sie auch von vielen Geschäftsnetzwerken, wo ihr ehemaliger Mann stark vertreten war. Der schmerzliche Neuaufbau, dann Erfolg und die nächste Liebe – ein deutscher Produzent, mit wem sie jetzt zusammen in der Schweiz lebt. Im Großen und Ganzen war es interessant, die Biografie einer starken Frau zu lesen; am meisten gefiel mir ihre Zuneigung zum Züricher See, die ich ein Stück teile. 

Anita Shreve, Wenn die Nacht in Flammen steht

Das war mein zweiter Roman der amerikanischen Schriftstellerin Anita Shreve. Als ich zum ersten Mal sie las, war ich geflasht. Sie holt aus der Tiefe der menschlichen Seele alles Verwundbare und Zärtliche, dabei ohne viel Werkzeug: Metapher oder langen Sätzen. Ich besuchte damals ihre Facebook-Seite, nur um zu erfahren, dass sie vor ein paar Wochen verstorben war. „Wenn die Nacht in Flammen steht“ war ihr letzter Roman und da legte sie sich wieder ins Zeug – mit ihrer einfachen Sprache bohrt sie die Menschenbeziehungen durch und findet da das Schöne und das Hässliche. I like it. Die Geschichte spielt 1947, als in Maine große Feuer ausbrach und neun Städte von der Erde komplett auslöschte. Die Hauptdarstellerin verlor auch alles, inklusive ihren Mann, den sie so semiliebte. Ich fand ihren Phoenix-Kampf inspirierend: damals als Frau arbeiten zu gehen oder einen Führerschein zu bekommen war nicht selbstverständlich. Sie verliebt sich in einen Pianisten (mit positiver Rückmeldung seinerseits), alles läuft so weit stabil, bis ihr im Feuer verlorener Mann schwerverletzt zurückkommt. Da beginnt der ganz harte Teil, den ich sehr schnell las, um mich nicht länger mit dieser negativen Figur (er. Und ja, ich nehme gern eine Seite ein) zu beschäftigen. Am interessantesten fand ich die Stellen, als die USA nach dem Zweiten Weltkrieg Europa mit den Lebensmittel aushalf („Der ganze Kontinent hungert!“). Es waren nicht nur Lebensmittel, aber im Buch konnte Anita Shreve diesen Aspekt am Beispiel einer Bäckerei gut wiedergeben. Die Pianisten-Figur ließ mich auch lange nicht los – ich überlegte, welche moderne Pianisten ich heute so kenne. Als Erster fiel mir Igor Levit ein, den ich auf sozialen Medien unregelmäßig lese. Er und Anita Shreve kann ich wärmstens empfehlen: ihn für seine Haltung, sie für ihre Menschenkenntnisse und saubere und klare Sprache.