Hannas Töchter

Ein kurzes Buch-Review und Gedanken zur Stigmatisierung der Opfer der sexualisierten Gewalt und zur Überprüfung der alten Denkparadigmen.

Habt Ihr auch Momente, in denen Ihr von der fortschreitenden Technik fasziniert seid? Ich hatte neulich wieder einen solchen Moment. Meine Familie und ich waren in Garmisch-Partenkirchen und nahmen die Bergbahn, um auf 1.700 Meter Höhe zu kommen. Ich saß in der Bahn, schaute runter auf den Wald, der weit weg war und dachte, wie man es alles auf dieser Höhe schuf. Faszinierend.

Die Technologie und Technik entwickeln sich weiter. In den Köpfen herrschen oft aber alte Glaubensätze, die mit der heutigen Zeit viel zu wenig zu tun haben.

Ein Beispiel ist die Sabotage der Frauen, die als Opfer der sexualisierten Gewalt gefallen sind. Gestern las ich den Roman der schwedischen Autorin Marianne Fredriksson „Anna, Hanna och Johanna“ (in deutscher Übersetzung „Hannas Töchter“) zu Ende.

Da geht es um drei Generationen Frauen: der Großmutter Hanna, der Mutter Johanna und der Tochter Anna. Die Geschichte der Großmutter spielt sich in der Mitte der 19. Jahrhundert in einem schwedisch-norwegischen Grenzdorf. Mit 12 arbeitet sie schon als Dienstmädchen auf einem Bauernhof und wird dort von dem Sohn des Besitzers (übrigens ihrem Verwandten) vergewaltigt. Sie wird schwanger und bringt mit 13 einen Sohn auf die Welt. Obwohl es mehrere Zeugen gab, die sie schwerverletzt sahen, wurde sie im Dorf als Hure benannt und war offiziell „in der Schande“. Opfer trägt die Schuld für das Verbrechen.

Auch heute. Welche Kommentare hören die Opfer der sexualisierten Gewalt? Was hattest du an? Warum bist du allein in der Nacht gegangen? Warst du betrunken? Warum bist du mitgekommen/mitgefahren? Am Ende verschweigen viele Opfer die Gewalt. Weil sie sich selbst was vorwerfen (das „Hurenprogramm“ läuft) oder weil sie von der Gesellschaft stigmatisiert werden („Eindeutig ist die Hure selbst schuld“). Als die „Me too“-Welle kam, konnte ich einige Artikel nicht lesen, weil die Geschichten wehtaten und die Kommentare dazu mehr. Frauen wurde vorgeworfen, sie haben ihre gierigen Interessen gefolgt, eventuell sollten sie auch Spaß gehabt haben. Als Hure abgestempelt zu werden ist heute, auch nach 170 Jahren in einer technologisch fortschriftlichen Gesellschaft, möglich und relativ zügig. Auch deswegen schweigen sie jahrelang, viele immer noch.

Ich denke oft an weitere Programme, die wir als Gesellschaft unbewusst tragen. Erst gestern habe ich die Vereidigung der neuen italienischen Regierung auf der Facebook-Seite von Ponte angeschaut. Der Sprache wegen. Leider konnte ich die Kommentare der Anhänger von Matteo Salvini nicht ertragen und bin ausgestiegen. Vielleicht sollte ich alle rechtsextrem-angehauchten Kommentare gemeldet haben, aber es waren zu viele. Meine Lehrerin berichtete mir aus ihrer wohlhabenderen Region rund um Turin, dass sie alle bei Salvini abgehen. „Endlich ein starker Mann“. Das Programm löst in mir ein allergisches Husten aus. Nicht hauptsächlich, dass die Mehrheit der Gesellschaften Frauen immer noch nicht zutrauen, das Land zu führen, sondern dass die Stärke mit dem nackten Populismus und Sprachgewandtheit verwechselt wird. Und dass sich die Gesellschaft als eine Horde kleiner Kinder fühlt, die von einem starken „Papa“ beschützt sein möchte. Ein Mann, der alles regelt, ist ein starkes und altes Programm, das heute mehr denn je präsent ist.

Warum schreibe ich das Ganze? Nicht, weil ich alle meine durch Generationen hinweg entwickelten Programme durchschaut habe. Sie sind noch da, weil sich die Denkschubladen automatisch und komfortabel ist. Ich wünsche mir und allen meinen Lesern, dass wir uns öfter hinterfragen, was ist fortschrittlicher: unser Denken oder unsere Handys.