Lernende Gesellschaft

Lächeln und lernen

Es sind drei Monate bis zum Jahresende. Eine Sache, die ich schon jetzt als das Highlight des Jahres bezeichnen kann, ist das endgültige Verständnis, dass auch die Lehrer ihre Lehrer brauchen.

Der letzte Tropfen für mich war ein Interview zwischen Rich Roll und der Psychotherapeutin Lori Gottlieb. In ihrem Buch geht es um ihre eigene Therapie: ihr Freund trennte sich von ihr und sie konnte diese Lebenssituation nicht allein aufarbeiten. So suchte sie sich einen Therapeuten, mit wem sie sprechen und dadurch auch heilen konnte. „Was ist hier dann das Verkehrte?“ hatte ich als Kommentar erhalten, als ich diese Geschichte erzählte. Vieles. Vieles, was meinem alten Irrglauben entspricht, die sich aus dem guten alten Perfektionismus herauswächst. Das besagt: wenn du in deinem Beruf und der Berufung gut genug bist, dann kannst du dir selbst helfen. Wie falsch!

Vor vielen Jahren lernte ich zwei Ansätze zum Selbstbild. Der erste sagt, dass du als Individuum in der Entwicklung final abgeschlossen bist. Du bist ein Endprodukt und gehst so durch die Welt. Es ist ziemlich tückisch, weil jede kleine Kritik dich aus der Bahn wirft. Denn es sind keine Nachrüstungsarbeiten mehr möglich und das ist traurig. Man hat, was man hat. Du lehnst die Kritik ständig ab und hüllst dich in einen dicken Mantel, damit kein böses Wort dich dort erreichen kann. Der zweite Ansatz ist das dynamische Selbstbild. Du denkst über dich selbst, dass du eine flexible und sich immer verändernde Einheit bist. Neues Wissen kann jederzeit nachgeholt werden. Neue Fertigkeiten können gelernt werden. Dein Verhalten kannst du beeinflussen. Du bist offen für Lob und Kritik, denn du weißt, dass du in jedem Szenario gut rauskommst. Statisches und dynamisches Selbstbild – es wirkt, ob du angespannt oder entspannt durchs Leben gehst.

Coaches können eigene Coaches brauchen. Sporttrainer bestellen ihre persönlichen Berater. Schriftsteller besuchen Schreibkurse und lassen ihre Texte durch Redakteure redigieren. CEOs haben ihre Sparringpartner. Sänger engagieren Stimmtrainer. Hausmänner und -frauen holen sich eine Putzhilfe nach Hause. Führungskräfte besuchen Führungsseminare. Es ist so logisch. Es wird heute zum Glück schon normal. Wie ist es bei euch? Was wusstet ihr schon lange, habt es aber erst jetzt mit dem Herz ganz verstanden?