Flexibilitätskultur

Die Terminserie für dienstagsabends in meinem Kalender ist eine stetige Erinnerung meines Versagens. Die Serie legte ich an, als ich mich für einen neuen Sportkurs „Indoor Bouldern“ anmeldete. Ich war kein einziges Mal da. Genauer gesagt, ich fuhr drei Dienstage zur Sportanlage, kreiste eine Weile auf der Suche nach einem freien Parkplatz, fand nichts, explodierte und kehrte heim. Natürlich konnte ich woanders parken und zu Fuß laufen. In der Idealwelt, vielleicht. In meiner: ich war müde, hungrig, draußen war es dunkel und kalt.

Das Bouldern ist nicht das einzige Willens- und Geldfiasko. Unzählige Summen gingen in organisierte Wettläufe, wo ich nicht auftrat. Weil kurzfristig krank oder kurzfristig entmutigt. Der Wiener Marathon inklusive Hotel tat am meistens weh: so lange gewünscht, so viel bezahlt und nichts zurückbekommen.

Unsere Reisen sind auch so ein Ding. Wie programmiert fielen wir in den letzten zwei Jahren kurz vor der Abreise krank aus. Mit viel Tamtam: Fieber, Kopfweh, unerklärliche Schwäche. Bei einer großen Reise in die USA, die natürlich nicht stattfand, fragten mich Freunde nach einer Rücktrittsversicherung an. Nein, hatte ich nicht. Aus einer Risiko-Komm-Her-Kultur stammend hielt ich nichts von diesen Versicherungen. Entweder klappt’s oder eben nicht. Viele Male nicht.

Im letzten Dezember hatte ich sogar eine Terminangst. Ich sagte keiner Einladung zu und schwebte im wohligen „Unter Vorbehalt“. Nicht mein Charakter – ich bin für ein klares Ja oder Nein. Aber ich fühlte mich auf einmal schuldig für alle Ausfälle, Nicht-Kommen-Können, Erkältungen, ausgefallene Züge, Trägheit oder Müdigkeit. Ich wollte keinen mehr enttäuschen, vor allem mich selbst nicht.  

Wenn ich heute das schreibe, werden mir zwei Dinge sichtbar. Zum einen, ein uralter Glaubensatz. „Richtige Menschen folgen ihrem ursprünglichen Plan bis zum Ende“. Da ich daran unbewusst so sehr geglaubt hatte, fühlte ich mich bei jeder Planänderung nicht richtig. Zum zweiten, ich hatte nur eine Perspektive auf die Situation. Geld ausgegeben – wie wäre es mit „Geld gespendet“? Wie viele kleine Laufevents unterstützte ich! Wie vielen Hotelgästen erlaubte ich in das freigewordene Zimmer einzuziehen! Wie vielen Bahngästen ermöglichte ich auf meinem reservierten Platz erleichtert bis zum Ausstieg zu sitzen! Wie wäre es, den Fokus auf neue Möglichkeiten zu legen? Neue Möglichkeiten für andere und für uns. Wir sollen uns öfter daran erinnern, dass wir doch eine andere Tätigkeit fanden, die uns am Ende guttat.

Also, was können wir tun, wenn wir unsere Pläne ändern? Ich schlage eine persönliche Fehlerkultur vor. Oder positiv formuliert: eine Flexibilitätskultur. Lasst uns erlauben, Fehler zu machen, Pläne zu ändern, neu zu entscheiden. Lasst uns unsere Aufmerksamkeit auf unsere innere Stimme richten und nicht darauf, was die anderen sagen oder denken können (das Letztere können wir sicherlich beeinflussen 😉).

(c) Charlie Firth, unsplash