Verbundenheit

Neulich hat das Magazin „Harvard Business Manager“ seine Leser auf LinkedIn gefragt, welche Räume sie vermissen. In dieser „neuen Zeit“. Mir fiel spontan ein: Kantine. Nicht, dass ich da oft und gern war. Meistens kurz und in der weitesten Ecke, wo das Menschengeschnatter nicht so überwältigend war. Aber in der Kantine erlebte ich das Gefühl der Zugehörigkeit. Es war ein banaler Tag, ein banaler Moment, als ich mit dem Tablet einen freien Tisch suchte. Plötzlich diese Erkenntnis: wir, Tausende Frauen und Männer hier, arbeiten für ein Unternehmen. Zwei Sekunden lang, ein unaussprechliches Hochgefühl, neben Salat und Wasser ohne Kohlensäure. Natürlich erzählte ich davon am Tisch nichts. Wie denn? Das wäre nicht der richtige Ort.


Gefühlswelt der Berufswelt

Im Beruf werden andere Gefühle toleriert: Zorn, Stress, Schadenfreude. Sagen Sie jemandem, dass Sie sich verbunden oder gerade dankbar fühlen – dann würde in der Luft ein Moment der Hilflosigkeit hängen: bitte, nicht auf der Arbeit, okay? Im Freundeskreis fragte ich später herum, wann sie sich verbunden fühlen. Viele waren sich einig: in den Kantinen dieser Welt kaum. Aber oft in Extremsituationen: wenn sie krank sind, wenn der Fußballverein den Pokal holt, wenn sie umziehen oder jemand in der Familie stirbt. Hoch und tief, Alltag und Abenteuer – die Verbundenheit ist ein essenzieller Teil unseres Lebens. Sie ist das Leben selbst, schreibt Erich Fromm, ein großer Denker des 20. Jahrhunderts. Wenn es so ist, warum sprechen wir kaum davon?


Urmenschliches

Im Sommer stieß ich auf einen Bestseller von Lori Gottlieb, einer US-amerikanischen Autorin und Psychotherapeutin. In ihrem autobiographischen Buch erwähnt sie oft, dass ihre Patienten sich immer schämen, über ihre Ängste zu sprechen oder zu weinen. „Werden Sie meine Verletzlichkeit erkennen? Werden Sie das Menschliche an meinem Dasein erkennen?“. Ich überlege, ob dies auch für die Verbundenheit gilt. Vielleicht streichen wir die Bindung, ein humanes Grundbedürfnis, aus unserer To-Do-Liste, weil wir sonst zugeben würden: ich bin verwundbar, ohne andere Menschen fühle ich mich isoliert.

Erich Fromm fasst es zusammen: „Der Mensch sieht sich – zu allen Zeiten und in allen Kulturen – vor der einen und immer gleichen Frage gestellt: wie er sein Abgetrenntsein überwinden und wie er zur Vereinigung gelangen kann.“ Soll diese Vereinigung außerhalb der Arbeitsstunden stattfinden? Ist diese Vereinigung ein Privileg des „Lebens“, in der fragwürdigen Wortkombination „Work Life Balance“?

Gemeinsam besser als einsam

Haben Sie schon mal im Radio gehört: „16 Uhr, nur wenige Stunden bis zum Feierabend!“ oder „Durchhalten, Leute, bald ist das Wochenende“? Diese Trennung zwischen Arbeit und Freizeit sitzt tief im Kopf. Wir leben aber in beiden Teilen. Wir verstauen doch nicht das Menschliche in den Schrank ─ als wäre es ein Kostüm ─ bis wir wieder daheim sind. Gefühle sitzen mit uns auf der Arbeit, ob wir es wollen oder nicht. Gute Emotionen bringen auch gute Geschäftszahlen. Aus diesem Grund geben Firmen Geld für Teambuilding-Events aus, stellen Wasserspender im Flur für zufällige Begegnungen, lassen ihre Mitarbeiter miteinander kickern oder schenken zu Weihnachten die T-Shirts mit dem Unternehmenslogo. Wir gehören zusammen – das ist die Botschaft nach außen und viel wichtiger – nach innen.

Was uns verbindet, ist in uns

Zugehörigkeit in Zeiten des Home Office

„Kann ich das Gefühl der Zugehörigkeit erzeugen? Ist es nicht die Chemie?“, frage ich eine neue Bekannte in einer Seminarpause. Sie ─ Dr. phil. auf der Visitenkarte ─ fragt ein wenig schroff: „Arbeitest du in der Produktion? Erzeugen klingt so mechanisch.“ Die Anmerkung passt nicht in mein Eigenbild, ich sitze mit ihr schließlich in einem Philosophie-Kurs. Sie hat aber Recht. Es gibt zwei verbreitete Ansichten auf die Verbundenheit: eine besagt, wir können sie mit einer klaren Abfolge der Tätigkeiten herbeiführen (Geschenke, fertige Phrasen usw.); die zweite bezeichnet sie als reinen Zufall, der jemandem geschieht oder eben nicht. Eine dritte Sicht gibt es auch, verstreut zwischen Epochen, Kontinenten und Köpfen. Nach ihr soll die Verbundenheit eine Arbeit sein, aber eine Arbeit an sich selbst. Wir sind der einzige Filter für alles, was aus uns rausgeht und in uns gelangt. Nur wir lassen Nähe oder Distanz, Liebe oder Hass, Glück oder Unglück zu. Wenn ich dieser Weisheit ein paar Hashtags zu geben wage, würde es heißen: ein Gespür für sich selbst, ein Gespür für die Mitmenschen, Gemeinsamkeiten suchen statt Unterschiede und eine einfache, eine schwierige Erkenntnis: wir sind verbunden durch unsere menschlichen Begrenzungen, nicht Vollkommenheit. Die letzte ist eine Illusion, die uns isoliert.