Schwebezustand

Das Video zum Thema „Schwebezustand“ finden Sie hier.

Transkript der Folge

In der heutigen Folge geht es um einen wichtigen Aspekt aus der Sinnlehre: die Entscheidungsmacht. Und auch um die Frage: was passiert, wenn ich mich nicht entscheide und dadurch entmachtet werde?

Diese Woche hatte ich zwei Situationen, wo es mir dieses Problem klar wurde. Frank und weitere Logotherapeuti*innen würden es als „Schwebezustand“ bezeichnen. Ein Schwebezustand ist ein Zustand, indem wir keine Entscheidungen treffen. Wir sagen weder ein klares „Ja“, noch ein klares „Nein“. Wir schweben, wir lassen uns treiben (Achtung: wir sind nicht aktiv), und, vor allem, wir verlieren unbewusst Energie. Weil wir uns im Kopf ständig überlegen: vielleicht das oder doch das. Das zehrt an unserer Lebenskraft.

Beispiele.
Zuerst ein banales. Am Samstagvormittag wollte ich laufen gehen. Aber auch ein spannendes Buch lesen: über eine Frauenbewegung im 19. Jahrhundert in Holland. Ich konnte mich nicht entscheiden. Ich bin hin- und hergelaufen, habe Nebensächlichkeiten erledigt und mich doch ständig gefragt: „Gehe ich jetzt raus oder nicht?“ Am Ende war ich gereizt und wollte weder laufen noch lesen.

Eine ernstere Sache war mit meiner Weiterbildung. Seit Ende Dezember habe ich mich gefragt: Was will ich als Nächstes lernen? Ich wollte einige Bereiche, aber zeitlich hätte ich nur eine Richtung geschafft. Über fünf Wochen war ich hin und hergerissen: das oder das? Bis eine Kollegin mir sagte: „Aigul, entscheide dich. Du hast schon vier Wochen des Jahres verloren.“

Nicht entscheiden können ist ein Nährboden für die Krisen, sagt Viktor Frankl. Das Entscheiden gehört zum Urmenschlichen, zu seinem Kern. Zu viel Abwägen schafft Unsicherheit. Im Podcast „Freakonomics“ habe ich über eine neurosoziale Studie erfahren. Diese besagt: unser Gehirn kann die Unsicherheit kaum ertragen. Unser Gehirn braucht etwas Konkretes.

Elisabeth Lukas, eine bekannte Psychotherapeutin und Buchautorin, hat folgendes Vorgehen beim Entscheiden empfohlen: abwägen – entscheiden – gut sein lassen. Später könnte es sich herausstellen, dass unsere Entscheidung nicht die richtige war. Aber dann könnten wir die alte Entscheidung revidieren und uns neu entscheiden. Das ist auf jeden Fall für den Geist und Körper besser als ein unentschiedener Schwebezustand.