Kausal und Final

Die Sendepause ist vorbei. Das neue Video zur Sinnlehre von Viktor Frankl finden Sie auf YouTube.

Final bedeutet auch „den Zweck betreffend“.

(Transkript)
Für die vorletzte, neunte Folge der Videoreihe zur Sinnlehre von Viktor Frankl habe ich die Begriffe „kausal“ und „final“ rausgesucht. Sie sind Ihnen wahrscheinlich bekannt im Zusammenhang mit den Verben „re-agieren“ und „agieren“.

Lassen Sie mich mit einem Beispiel beginnen.

Vor vier Jahren sind wir an einen neuen Ort umgezogen. Komplett neue Gegend. Es ist ein solcher Ort, wo alle miteinander verwandt sind, weil sie seit Generationen hier leben. Als Neulinge hatten wir beschlossen, in die Vorleistung zu gehen. Wir begrüßten jeden, machten eine Hallo-wir-sind-Eure-Nachbarn-Runden und waren einfach offen. Nicht jeder Gruß wurde erwidert. Nicht jedes Lächeln als wohlwollend wahrgenommen. Wir waren aber die Ersten, die den ersten Schritt machten.

In der Logotherapie wird dieser Move als „finale Vorleistung“ bezeichnet. Final bedeutet nicht nur „endgültig“, sondern steht im Lateinischen für „den Zweck betreffend“. Das heißt in unserem Beispiel: unser Ziel war, die Nachbarschaft kennenzulernen und mit ihr in Frieden zu leben.

Das Gegenteil vom „finalen Ansatz“ ist ein „kausaler Ansatz“. Aus dem Lateinischen „Ursache“. Die Abfolge von Ereignissen und Zuständen, die aufeinander bezogen sind. „Wie du mir, so ich dir“. Wenn du mich nicht grüßt, dann grüße ich dich nicht. Wenn du mich nicht einlädst, dann lade ich dich auch nicht ein. Wenn du A nicht machst, dann mache ich B nicht.

Aber merken Sie dabei, wie wir uns dadurch abhängig von anderen machen? Wir sind passiv, wir warten drauf, was von außen kommt. Das Ego flüstert bei Konflikten auch: Zeig keine Schwäche, bewege dich nicht als Erster.

Ist es wirklich eine Schwäche? Final zu denken und zu agieren ist souverän. Es ist die eigentliche Aktivität. Egal, was die Anderen machen, ich überlege es mir, was das Ziel ist, was sinnvoll ist und agiere danach. Zusammengefasst: oft haben wir das Gefühl, dass wir nur reagieren können oder sollen. Aber es ist nicht so. Wir können jederzeit einen „Teufelskreis“ des Wartens lösen, indem wir final denken und danach handeln.